Der Mord an Charlie Kirk – Der Täter ist gefasst, die Angst vor mehr politischer Gewalt in den Vereinigten Staaten steigt und die Medien versagen

1. Einleitung

Am Donnerstag, den 10. September 2025, wurde Charlie Kirk während einer Veranstaltung an der Utah Valley University in Orem, Utah, erschossen. Er wurde in ein örtliches Krankenhaus gebracht und dort später für tot erklärt. Seine Ermordung schockierte seine politischen Unterstützer und Gegner gleichermaßen. Es ist der jüngste Vorfall in einer Reihe von Angriffen auf politische Persönlichkeiten in den Vereinigten Staaten: Die Ereignisse vom 6. Januar 2021, zwei gescheiterte Versuche, Donald J. Trump zu töten, der Überfall auf das Haus der damaligen Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, bei dem ihr Ehemann schwer verletzt wurde, der Brandanschlag auf das Haus des Gouverneurs von Pennsylvania, Ben Shapiro, und die Attentate von zwei demokratischen Abgeordneten aus Minnesota und ihren Ehepartnern im vergangenen Juni,  bei dem es zwei Tote und zwei Schwerverletzte gab.

Der mutmaßliche Schütze wurde zwei Tage nach dem Angriff festgenommen. Der 22-jährige Mann aus Washington, Utah, wuchs in einer konservativen Familie auf. Die persönlichen politischen Überzeugungen und das Motiv des Verdächtigen sind noch nicht klar. Aber das wird die Rechten natürlich nicht davon abhalten, zu behaupten, der Mörder sei ein durchgeknallter Linker gewesen. Es gibt Bestrebungen, Kirk zu einer Art Märtyrer der Rechten zu machen, und Aufrufe Rache zu nehmen. Inmitten der bereits bestehenden starken politischen Spannungen könnte dieser Mord der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt und eine neue und noch größere Welle der Gewalt auslöst. Er könnte der Trump-Regierung auch einen Vorwand geben, ihren Druck auf Städte mit demokratischer Führung und auf politische Gegner weiter zu erhöhen.

2. Die Bedeutung von Charlie Kirk

Es ist schwer, die Bedeutung zu überschätzen, die Charlie Kirk für die Anwerbung jüngerer Wähler für die Rechten hatte. Als 18-Jähriger gründete er mit Hilfe konservativer Milliardäre und Spender Turning Point USA. Sie wurde zur dominierenden konservativen Jugendorganisation. Sie ist vor allem an Universitäten aktiv und hat viele Studierende angezogen. Kirk war dafür bekannt, mit liberalen Studenten zu debattieren. Aber Kirks Ziel war es nicht, Ideen auszutauschen, sondern eine Plattform für seine rechtsextremen Ansichten zu schaffen und virale Momente zu erzeugen, die dann in den sozialen Medien geteilt werden konnten. Auf diese Weise erwarb er sich eine riesige Anhängerschaft. Er hatte außerdem eine erfolgreiche Talk-Radio-Show, die auch als Podcast verbreitet wurde. Zusammen mit anderen wie Ben Shapiro und Jordan Peterson war er einer der führenden rechten Influencer.

Obwohl er zu Beginn von Trumps erstem Präsidentschaftswahlkampf kein Fan von Trump war, wurde er später zu einem seiner lautesten öffentlichen Unterstützer. Er verbreitete die Lügen über die angeblich gestohlene Präsidentschaftswahl 2020 und andere Verschwörungstheorien. Über Turning Point Action, den politischen Kampagnenarm seiner Organisation, war er daran beteiligt, Teilnehmer zu jener Kundgebung am 6. Januar nach Washington, D.C. zu bringen, die in dem Angriff auf das Kapitol mündete. Er selbst war allerdings dort nicht anwesend. Es gibt auch TPUSA Faith, eine Organisation, die christliche Wähler erreichen möchte. Kirk selbst vertrat zunächst eher säkulare Ansichten und stand dem politischen Einfluss der Religion auf die Politik kritisch gegenüber. Verteidigte er zu Beginn seiner Karriere noch die Trennung von Kirche und Staat, wurde er später christlicher Nationalist.  Das könnte vielleicht auch nur eine taktische Entscheidung gewesen sein, denn evangelikale Wähler bilden den wichtigsten Teil von Trumps Wählerbasis. Sein Tod ist zweifellos ein großer Verlust für die MAGA-Bewegung. Es ist abzusehen, dass es unter den zahlreichen rechten Medienpersönlichkeiten ein Rennen darum geben wird, wer in die Fußstapfen von Charlie Kirk tritt, aber ob es irgendjemanden gelingen wird – vor allem bei jüngeren Wählern – einmal so einflussreich und erfolgreich zu werden, bleibt abzuwarten.

3. Die Angst vor einer Eskalation

Die Vereinigten Staaten stehen bereits am Rande des Abgrunds, und die Ermordung von Charlie Kirk wird die ohnehin schon hohen Spannungen weiter verschärfen. Sie könnte zum Ausgangspunkt einer neuen, noch massiveren Welle politischer Gewalt werden. Einige einflussreiche Personen der Rechten, die behaupten, der mutmaßliche Mörder sei ein Linksextremist, rufen offen zur Rache auf. Die Befürchtung wächst, dass sich die Zustände weiter verschlechtern könnten und, dass so Zustände entstehen, die an den gewalttätigen 1960er Jahre in den USA oder dem Ende der Weimarer Republik in Deutschland ähneln.

Jeder sollte sein Bestes geben, um die Wogen zu glätten, aber Trump und seine Kumpane tun das Gegenteil. Sie fachen die Flammen weiter an. Sie beschuldigen die Demokraten und die Linken im Allgemeinen, gewalttätige Schläger zu sein und den Mord an Kirk zu beklatschen. Während es in den sozialen Medien einige Beiträge von (angeblich) politisch linken Accounts gab, die Kirks Tod bejubelten oder Witze darüber machten, haben eigentlich alle wichtigen Figuren der Linken den Mord schnell und unmissverständlich verurteilt. Es gibt eine Menge Heuchelei von rechts in dieser Hinsicht. Schaut man sich zum Beispiel die Reaktionen der Republikaner auf den Angriff auf den Ehemann von Nancy Pelosi an, findet man jede Menge zustimmende Posts, geschmacklose Witze und Verschwörungstheorien – nicht nur von irgendwelchen Leuten im Internet – sondern von führenden Persönlichkeiten der Rechten. Die MAGA-Anhänger haben kein Problem mit Gewalt, solange sie ihre Gegner trifft. Das gilt auch für Kirk selbst.

Die Sorge, dass Trump die Ermordung Kirks nutzen könnte, um seine autoritäre Agenda voranzutreiben, ist berechtigt. Viele befürchten, dass sie für ihn das Äquivalent des Reichstagsbrandes werden könnte. Er könnte sie nutzen, um den Notstand auszurufen, seine politischen Gegner als Terroristen zu brandmarken und dann zu verfolgen. Wir haben bereits gesehen, dass er bereit ist, die Nationalgarde gegen Städte einzusetzen, die von Demokraten geführt werden. Er könnte jetzt ermutigt sein, noch schlimmere Dinge mit dem Militär zu tun, und wer würde ihn daran hindern?

Die richtige Reaktion auf Kirks Tod wäre neben dem Herunterfahren der politischen Rhetorik und dem Versuch, die Nation zu beruhigen, die Verabschiedung von Gesetzen zur Waffenkontrolle. Die Vereinigten Staaten sind randvoll mit Schusswaffen gefüllt und jeder Kriminelle und Verrückte kann leicht eine bekommen. Kirk hat sich für weniger Waffenkontrolle ausgesprochen. Er sagte einmal, dass ein paar Schusswaffentote pro Jahr ein akzeptabler Preis für den Zweiten Verfassungszusatz, der das Recht auf Waffenbesitz garantiert, seien. Jetzt, da er selbst ein Opfer von Waffengewalt geworden ist, möchte man hoffen, dass seine Anhänger ihre Haltung dazu ändern und zumindest einige grundlegende, vernünftige Maßnahmen zur Waffenkontrolle unterstützen, aber das wird wahrscheinlich nicht passieren, und das wird alle dem Risiko einer Eskalation der Gewalt und weiterer Morde aussetzen.

4. Das Versagen der Medien

Wie bei vielen anderen Rechtspopulisten und -extremisten auch gelingt es den Medien nicht, angemessen darüber zu berichten, wer Charlie Kirk war. Während seine Ermordung schrecklich ist und auf das Schärfste verurteilt werden sollte, sollte man bei dem Versuch der extremen Rechten, ihn zu einem Heiligen zu machen, nicht mitmachen, denn das war er eindeutig nicht. Er vertrat rassistische, islamophobe, homo- und transphobe Ansichten. Einige seiner Äußerungen waren auch antisemitisch, obwohl er selbst vorgab Israel und jüdische Personen zu unterstützen. Obschon er an Universitäten unterwegs war, war er gegen die Wissenschaft, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse mit seinen eigenen persönlichen Überzeugungen kollidierten. So leugnete er natürlich die Existenz von Klimawandel und Evolution. Darüber hinaus sympathisierte er mit Russland, auch nachdem es den Krieg gegen die Ukraine begonnen hatte. Neben den Lügen über die Präsidentschaftswahl 2020 verbreitete er auch andere Verschwörungserzählungen wie die Theorie des großen Austauschs und nutzte seine Plattform, um anderen Menschen, die Gleiches taten und ähnliche Ansichten wie er vertraten, Raum zu geben. Daher ist er sicherlich nicht jemand, den man verehren sollte. 

Einige loben ihn dafür, dass er versuchte, mit Menschen mit gegensätzlichen Weltanschauungen zu diskutieren, aber er war nicht irgendein intellektuell neugieriger, konservativer junger Mann, der es einfach liebte, zu debattieren. Kirk war ein rechtsextremer Provokateur und Extremist. Er war Teil der Debate-Bro-Kultur, die den öffentlichen Diskurs ruiniert. Er wollte keine Ideen austauschen. Er wollte eine Plattform, um seine extremen Ansichten zu verbreiten. Es geht nicht um Argumente, es ist eine Performance. Es ist Unterhaltung für seine Anhänger. Niemand wird durch diese Debatten von einer anderen Position überzeugt oder zumindest ein bisschen schlauer. Das wollen sie auch gar nicht. Sie werden an ihren Ansichten festhalten, egal was passiert. Sie kümmern sich auch nicht wirklich um Fakten, solange ihre eigene Seite zu gewinnen scheint. Es geht darum, „die Libs zu ownen“. Es geht darum, sich als Mann zu beweisen, indem man es mit mehreren Gegnern alleine aufnimmt, sie dominiert. Man hofft, auf jemanden zu treffen, der sich blamiert, weil er sein Wissen oder seine Debattierfähigkeiten überschätzt, sodass man virale Videoclips daraus machen kann. Es sind Gladiatorenspiele für Leute, die sich intellektuell erhaben fühlen wollen. Kirk sollte also nicht dafür gelobt werden, denn er tat es nicht mit der Absicht zu lernen und der Wahrheit näher zu kommen, sondern mit ganz anderen, ganz miesen Absichten. Aber warum sind die Medien so schlecht darin, über Charlie Kirk (und andere Rechtsextreme) zu berichten? Eine Sache, die speziell auf diesen Fall zutreffen könnte, ist, dass es einen Widerwillen gibt, etwas Unschmeichelhaftes über eine Person zu schreiben, die gerade Opfer eines schrecklichen Verbrechens geworden ist. Dann könnte da noch die Angst vor Vergeltungsmaßnahmen der Trump-Regierung sein, wenn jemand etwas über einen ihrer wichtigsten Verbündeten veröffentlicht, das ihr nicht gefällt. Es würde mit ziemlicher Sicherheit auch einen Shitstorm in den sozialen Medien geben, wenn man irgendetwas schreibt, das Kirk auch nur im Entferntesten kritisiert, und deshalb könnten einige Journalisten einfach nichts Negatives schreiben, da sie sich nicht Hassbotschaften und Morddrohungen aussetzen wollen. Es könnte zudem einen Mangel an Wissen darüber geben, wofür Charlie Kirk wirklich stand und was er tat. Das mag vor allem für ausländische Medien gelten, denn die eher einseitige, eher positive Berichterstattung über Kirk ist nicht nur ein US-amerikanisches Phänomen. Es könnte auch ein Anzeichen dafür sein, wie normalisiert rechtsextreme Ansichten inzwischen geworden sind. Manch einem mag nicht mehr bewusst sein, wie extrem viele von Kirks Positionen sind. Oder vielleicht gibt es viele in den sogenannten liberalen Mainstream-Medien, die insgeheim mit Kirks Ansichten sympathisieren. Was auch immer die Gründe sein mögen, die meisten Medien in den USA und anderswo berichten wieder einmal nicht angemessen über die extreme Rechte und ihre Protagonisten, und das ist keine gute Nachricht für den Kampf gegen den Autoritarismus und für die Demokratie.

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