Die Novelle „Schwüle Tage“ von Eduard von Keyserling erschien 1906. Der 1855 geborene Spross einer kurländischen Adelsfamilie und sein Werk sind heute fast in Vergessenheit geraten. Dabei hatte sein Werk durchaus namhafte Bewunderer wie Thomas Mann und Hermann Hesse.
In seiner Novelle schildert er aus der Perspektive des Adelssprosses Bill von Fernow dessen Sommer auf dem Landsitz seiner Familie. Bill ist gerade durch das Abitur gefallen und soll nun die Sommerferien dazu nutzen sich auf die Wiederholung der Prüfung vorzubereiten. Die Novelle beginnt damit, dass er zusammen mit seinem Vater Gerd von Fernow im Zug sitzt. Beide haben sich nicht viel zu sagen. Bill ärgert sich darüber, dass er nicht mit der Mutter und den Geschwistern ans Meer darf. Sein Vater kommt ihm fremd vor. Er hat ein schwieriges, distanziertes Verhältnis zu ihm und ist nicht begeistert, dass er den Sommer allein mit seinem Vater verbringen muss. Vom Bahnhof geht es mit der Droschke zum Landsitz der Familie. Bill hofft, dass er wenigstens bei den nicht weit entfernt wohnenden Warnows etwas Freude findet, denn er ist in gleichaltrige Gerda. Das Abendessen mit dem Vater ist ihm unangenehm. In der Nacht hört er ein Mädchen im Park singen.
Der nächste Tag ist sehr heiß und er hat keine Lust zu lernen. Stattdessen denkt er an Gerda. Man fährt nach Warnow. Dort trifft er auf Gerda, die mit Ellita, ihrer älteren Schwester zusammensitzt. Ellita soll den Vetter Went heiraten, ist von dieser Aussicht jedoch nicht begeistert. Bill beschreibt Went als gutaussehend und kann ihn nicht leiden. Später sieht er Ellita und seinen Vater zusammen. Er vermutet, dass sie ihm die Felder gezeigt hat. Die Abende gefallen ihm. Er spricht mit Ellita, als sein Vater hinzukommt. Ein roter Mond zeigt sich. Als der Vater und Ellita miteinander sprechen, wird Ellita wütend. Bill kann sich nicht erklären warum. Der Vater offenbart ein fragwürdiges Frauenbild. In der Nacht hört Bill erneut Mädchengesang, es ist Margusch, ein Dienstmädchen. Sie hat Liebeskummer wegen Jakob, dem Gartenjungen, der jetzt eine andere hat. Der Vater findet in der Nacht auch keine Ruhe.
Er und Ellita reiten am nächsten Tag in den Wald. Bill geht mit den Hilfsdienern Edse und Krugs-Peter in der nächsten Nacht zum Fischestechen. Es beginnt irgendwann zu regnen. Sie trinken Bier und Bill ist enttäuscht, weil er etwas Besonderes erwartet hatte. Edse beschreibt Margusch als dumm. Denn er wollte mal etwas von ihr, sie aber nicht von ihm. Sie gehen zum Weißen Krug um zwei Mädchen, Marrie und Liese, zu treffen, die dort im Heu schlafen. Beide haben aber kein Interesse an Bill und verschwinden mit Peter und Edse hinterm Schuppen. Bill schleicht allein im Morgengrauen heim.
Vetter Went kommt zum Frühstück vorbei. Er bezeichnet Bill als Kleiner und behandelt ihn herablassend. Bill ärgert sich darüber, dass er selbst klein gewachsen ist. Der Vater behandelt Went schlecht. Er scheint etwas gegen ihn zu haben. Da Ellita sich mit Went verlobt hat, fahren Bill und sein Vater erneut nach Warnow. Es kommt zu einem ernsthaften Gespräch über Familienangelegenheiten. Der Vater sagt, dass Ellita eine gute Partie mache. Ellita ist jedoch wenig begeistert, sondern eher abwesend und desinteressiert. Went und Gerda sind draußen bei den Schaukeln. Bill wird eifersüchtig und wütend auf die beiden. Er schickt Went unter dem Vorwand, dass Ellita nach ihm verlange weg. Gerda und er reden miteinander. Er sieht, dass sie bekümmert ist. Gerda weint als sie sagt, dass die Warnows arm seien. Sie müssen aber den Schein wahren, denn ihre Mutter sei schließlich bei Hofe gewesen. Deshalb verstehe sie das Verhalten ihrer Schwester Ellita gegenüber Went nicht, denn dadurch könne sie den verarmten Verhältnissen entfliehen. Hinzu kommt, dass Went sie ja auch wirklich liebe. Bill erkennt, dass Gerda in Went verliebt ist und sagt ihr dies ins Gesicht. Daraufhin geht Gerda, und Bill beklagt sich, dass er niemanden zum lieben habe, sondern nur seine Lehrbücher. Beim Mittagessen hält sein Vater eine Rede. Er ist, anders als sonst, witzig und sein Sohn wundert sich darüber. Man stößt an, Bill trinkt sehr viel, da es ihm nach dem Streit mit Gerda schlecht geht und er ist froh als das Essen vorbei ist. Er will sich nun mit Gerda versöhnen, doch die lehnt ab, da er betrunken ist. Bill fühlt sich ausgeschlossen. Während Went drinnen singt und alle davon verzückt sind, ist Bill einfach nur angewidert. Er beobachtet von draußen ein Zusammentreffen seines Vaters mit Ellita. Dabei kommt ihm der Verdacht, dass beide etwas miteinander haben. Sie streiten sich und Ellita kommt im Anschluss nach draußen. Bill und Ellita sprechen miteinander. Dann tanzt Ellita geisterhaft Bolero und Bill fühlt sich an einen anderen, weit entfernten Ort versetzt. Nachdem Ellita sich wieder gefasst hat, gehen sie zurück. Als das Fest zu Ende ist geht Bill zu Margusch, die wieder einmal singt. Margusch und er kommen sich näher und sie gibt sich ihm hin. Es beginnt irgendwann zu regnen, aber sie bleiben bis zum Morgengrauen zusammen. Der Vater, der draußen herumgeschlichen ist und bemerkt hat was passiert ist, warnt seinen Sohn beim nächsten Mittagessen davor sich mit Bauernmädchen einzulassen. Er solle sich stattdessen auf das Lernen konzentrieren. In der folgenden Nacht zieht Bill mit Went in den Wald, um in der Morgendämmerung Rehe zu jagen. Went ist ruhig, desinteressiert und bedrückt. Bill hätte lieber jemanden der heiter ist als Gesellschaft gehabt. Als Bill einen jungen Bock schießt, beklagt Went sich darüber, da Went gerade als Bill schießt selbst einen Bock im Visier hatte, der durch den Schuss verscheucht wurde. Es kommt zum Streit auf dem Heimweg.
Danach folgen gleichförmige Tage mit viel Sonne und großer Trockenheit. Fahrten nach Warnow gibt es keine und Margusch singt nicht mehr. Er sieht seinen Vater nur selten, denn dieser ist wie immer desinteressiert an ihm. Meist sitzt er in einer Linde. Von dort sieht er einmal seinen Vater und Ellita. Beide streiten. Ellita will sich den gesellschaftlichen Konventionen nicht unterwerfen und ihre Liebe zu seinem Vater nicht aufgeben. Doch der Vater ermahnt sie und sie gibt schließlich nach. Er kommt ihr näher, aber sie weist ihn ab. Beide gehen zurück und lassen sich dabei nichts von dem Streit anmerken. Bill sitzt noch in der Linde und sinniert über das Gesehene. Er versteht die Welt nicht mehr. Sein Vater und Ellita benehmen sich so ganz anders als sonst. Alles fühlt sich verändert an und er empfindet Unsicherheit. Es wird Abend und ein Gewitter zieht auf. Er kehrt nach Hause zurück und trifft beim Abendessen auf den Vater. Sein Vater will, dass er die Rechte studiert und vergleicht die Lebensplanung mit dem Bau eines stilvollen Hauses.
Ein paar Tage später fahren beide auf Anregung des Sohnes zum Bahnhof, um sich von den Warnows zu verabschieden. Bill fühlt sich danach leer und enttäuscht. Als er in den Wartesaal kommt, um den Vater zu holen damit sie zurückfahren können, spritzt der Vater sich etwas mit einer kleinen goldenen Spritze. Der Vater sagt, dass er Migräne habe. Während der Fahrt muss Bill an Gerdas Abschiedskuss denken und empfindet sein Leben als freudlos. Der Vater bemerkt die Betrübnis des Sohnes und lächelt ihm gütig zu. Er macht eine Bemerkung darüber, dass Frauen nun einmal so seien, dass sie eine Leere hinterlassen und ermahnt ihn sich auf seine Studien zu konzentrieren. Doch die Trauer hält an. Bill kann sie nicht sentimental genießen, denn er fühlt sich einmal mehr ausgegrenzt, vom bunten, pulsierenden Leben abgeschnitten. Er sieht seinen Vater nun noch seltener, denn der Vater isst häufig in seinem Zimmer. Eines Nachts hört er wieder Margusch singen und geht hinaus, um dem Gesang zu folgen. Dabei trifft er auf seinen Vater. Der Vater murmelt vor sich hin, bemerkt seinen Sohn nicht und geht ungerührt weiter. Dies kommt dem Sohn gespenstisch vor. Er will nicht allein in seinem Zimmer sein, deshalb geht er trotz der merkwürdigen Begegnung zu Margusch und den anderen Mädchen an den Teich. Margusch und er kommen sich näher, doch es wird stürmisch. Der Wald rauscht und Margusch will nach Hause gehen. Margusch weiß, dass der Vater immer herumschleicht. Sie schickt Bill weg. Später will sie nachkommen. In der Lindenallee trifft Bill unerwartet auf seinen Vater, obwohl Margusch meinte, dass er dort normalerweise nicht entlang geht. Er ist verunsichert und spricht ihn an, doch sein Vater schweigt. Dieser sitzt zusammengesackt an einem Baum. Bill ist verunsichert, da kommt Margusch um die Ecke. Er ruft sie zu sich. Sie stellt fest, dass sein Vater tot ist. Die goldene Spritze rollt herum, als Margusch die zusammengesackte Leiche aufrichtet. Sie geht, um andere Leute zu holen, sodass Bill allein bei der Leiche zurückbleibt. Die Situation ist Bill unangenehm. Er sieht die Leiche nicht mehr als seinen Vater, sondern als etwas Fremdes, Grauenerregendes. Irgendwann kommen die anderen Leute und er fasst sich und gibt Anweisungen.
Der Vater wird im Saal des Anwesens aufgebahrt. Die Dienstboten weichen Bill nun aus. Sie wollen ihn nicht stören. Er kann nicht richtig trauern und glaubt, dass sein Schmerz nicht angemessen groß ist. Der gesamten Situation steht er eher distanziert gegenüber. Er kann nicht weinen. Ein Pfarrer und ein Doktor statten ihm am nächsten Tag einen Besuch ab. Der Doktor wusste, dass der Vater opiumabhängig war, hängte es aber nicht an die große Glocke. Bill steht schließlich mit Konrad, einem Bediensteten, der immer die fährt, vor dem Sarg, und tut so als würde er beten. Er kann immer noch nicht weinen und findet die Leiche gar nicht schrecklich. Er findet sie sieht, einen überlegenen Gesichtsausdruck zur Schau stellend, festlich und friedlich aus. Bill wird klar, dass die Ruhe und Erhabenheit genau das ist was sein Vater wollte. Als er begreift, was für ein Verlust der Tod für seinen Vater in Wirklichkeit gewesen ist und wie falsch der Vater mit seinen Ansichten lag, fängt er doch noch an zu weinen. Bill wird klar, dass er trotz allem das Leben liebt. Nun ist sein Vater der Ausgeschlossene. Er kann nicht mehr am Leben mit all seinen Höhen und Tiefen teilnehmen. Dass Bill weint wird von Edse gesehen und Bill hält das für gut, weil es sich so gehört, dass ein Sohn um seinen Vater weint.
Die Novelle strotz vor Beschreibungen der Landschaft und der Atmosphäre. Sie zeichnet das Bild einer untergehenden Welt. Der Adel gibt sich immer noch als Spitze von Staat und Gesellschaft, als besonders edle Elite, ist aber vor allem erstarrt in seinen Ritualen der Repräsentation. Der Schein muss auf jeden Fall gewahrt werden. Dies zeigt sich an dem Verhalten der Warnows, die so tun müssen als wären sie nicht arm und an dem Schweigen über die Opiumabhängigkeit von Bills Vater. Liebe und andere persönliche Neigungen müssen hintenanstehen. Dies machen die von Ellita eigentlich ungewollte Hochzeit mit Went und der Vorschlag, dass Bill doch Jura studieren soll deutlich. Jedoch machen Gehorsam und Pflichterfüllung auf Dauer nicht glücklich. Man kann sich still und heimlich durchaus mal ein Paar Freiheiten und Übertretungen herausnehmen, davon sollte aber möglichst nichts an die Öffentlichkeit gelangen. Eine offene Liebesbeziehung zwischen Gerd von Fernow und Ellita käme niemals ernsthaft in Frage. Bill versteht in seinem noch jungen Alter vieles von dem was vor sich geht nicht. Das macht ihn zum Außenseiter. Erst zum Schluss scheint er zu begreifen, wie die gesellschaftlichen Erwartungen die Ansichten seines Vaters geprägt haben. Er lehnt diese zwar ab, zugleich kann er sich den gesellschaftlichen Erwartungen doch nicht entziehen, wie die Bemerkung zeigt, dass es gut sei, dass er beim Weinen gesehen wird.
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