Die Angehörigen der Trump-Familie sind sehr verschwiegen, wenn es um ihr bekanntestes Mitglied geht. Was beispielsweise Donald J. Trumps Geschwister über ihren Bruder denken, dringt nicht an die Öffentlichkeit. Nun erregt ein Buch besonderes Aufsehen, weil die Autorin den gleichen Nachnamen trägt wie der US-Präsident. Es geht um Mary L. Trump und ihr Buch Too much and never enough. Hinzu kommt, dass sie auch noch Psychologie studiert und in diesem Fach sogar promoviert hat. Bekommen Leser hier also eine fundierte Antwort auf die Frage was mit Donald J. Trump alles nicht stimmt?
Nun ja, zuerst einmal muss man einschränkend sagen, dass Mary L. Trump, die Tochter von Frederick C. Trump Jr. und damit zugleich die Nichte des aktuellen US-Präsidenten, so gut wie keinen Kontakt mehr zu ihrer Familie hat. Nur mit Maryanne Trump Barry, einer der beiden Schwestern Donald J. Trumps, hat sie wohl in letzter Zeit gesprochen. Tiefe Einblicke in den Geisteszustand des US-Präsidenten darf man also nicht erwarten.

Mary L. Trump scheint auch nicht so recht in die Trump-Familie zu passen. Sie ist Akademikerin, lesbisch, Anhängerin der Demokraten und hat 2016 nach eigenen Aussagen Hillary Clinton gewählt. Kurz gesagt: Sie ist so ziemlich das Gegenteil von dem was Trump und seine Familie verkörpern. Ihre sexuelle Orientierung und die Hochzeit mit einer Frau hielt sie vor dem Rest ihrer Familie geheim. In ihrem Buch schreibt sie, dass es in der Trump-Familie Homophobie, Rassismus, Antisemitismus und Sexismus gab, also den ganzen Strauß der in westlichen Gesellschaften weit verbreiteten Vorurteile und Diskriminierungen. Niemanden dürfte dies verwundern. Dafür, dass Donald J. Trump selbst ein Rassist ist, gibt es unzählige Belege, von der Art und Weise wie er und sein Vater mit schwarzen Mietern umgingen, über seinen Umgang mit den fälschlicherweise wegen einer brutalen Vergewaltigung verurteilten Central Park Five und die Birther-Lüge bis zu der Aussage, dass bei einem Neonazi-Aufmarsch in Charlottesville, Virginia, der mit dem Mord an einer Gegendemonstrantin endete, auch auf Seite der Neonazis gute Menschen gestanden hätten. Auch Antisemitismus wurde ihm immer wieder vorgeworfen, worauf von seinen Anhängern dann oft entgegnet wird, dass er ja gar kein Antisemit sein könne, weil seine Tochter Ivanka einen Juden, Jared Kushner, geheiratet habe und selbst zum Judentum konvertiert sei. Des Weiteren betont er immer wieder demonstrativ seine Freundschaft zu Israel. Viele seiner Kritiker überzeugt das nicht, sie halten es für eine Show.
Der eigentliche Bösewicht in diesem Buch ist jedoch nicht Donald J. Trump, sondern sein Vater, Frederick C. Trump Sr., dem sie die Hauptschuld daran gibt, dass ihr Onkel so geworden ist wie er ist und dass ihr eigener Vater alkoholkrank wurde und schließlich mit 42 Jahren an einem Herzinfarkt starb. Sie schreibt, dass Fred Sr. ein Soziopath gewesen sei, den vor allem seine Geschäfte interessiert hätten und sonst recht wenig. Sowohl in geschäftlichen Dingen als auch im privaten Umgang mit seinen Söhnen und anderen Personen soll er rücksichtslos gewesen sein. Darunter hatte zuerst Fred Jr. zu leiden. Er sollte als erster Sohn natürlich eines Tages der Nachfolger seines Vaters in der Familienfirma werden. Das verursachte einen enormen Druck auf ihn. Einen Druck, dem er nicht standhalten sollte. Am Ende wurde nicht er, sondern Donald der Nachfolger seines Vaters. Er verließ die Firma und wurde Pilot bei einer großen Airline. Sein Vater hielt ihn für eine Enttäuschung, seinen Job für mit dem eines Busfahrers vergleichbar und damit weit unter dem eines Trump würdigen Niveaus. Der Beruf des Piloten, so schreibt Mary L. Trump, sei damals hoch angesehen und nur wenigen, wirklich talentierten Personen zugänglich gewesen, doch habe sich ihr Vater nicht von seiner Familie und den Erwartungen seines Vaters lösen können, weshalb er unglücklich und zum Alkoholiker wurde. Wegen seiner Alkoholsucht musste er schließlich den Pilotenjob aufgeben. Seine Ehe ging kaputt, er zog zurück zu seinen Eltern und arbeitete auch wieder im Trump-Unternehmen, jedoch in keiner hohen Position mehr.
Sein Bruder war inzwischen defacto zu seinem Nachfolger geworden, obwohl sein Vater ihm, laut der Verfasserin, die Unternehmensführung auch nicht so recht zutraute. Donald litt ebenfalls unter seinem harten, lieblosen Vater. Mary L. Trump glaubt, dass ihn die Konflikte zwischen seinem Bruder und Vater stark negativ beeinflusst haben. So habe er, weil sein Vater jegliche Art von Schwäche verachtete, gelernt selbst keine Schwäche zu zeigen und alles als großartig zu verkaufen. Das Verhalten seines Vaters und die häufige Abwesenheit seiner Mutter, Mary Anne Trump, der gesundheitliche Beschwerden zu schaffen machten, hätten dafür gesorgt, dass seine emotionale Entwicklung problematisch verlief. Er habe bestimmte, von seinem Vater unerwünschte Gefühle unterdrückt und habe deshalb keinen Zugang zum vollen Spektrum menschlicher Emotionen. Der harte Erziehungsstil des Vaters habe ebenfalls dazu geführt, dass Donald J. Trump psychisch anfällig für autoritäre Figuren wie Vladimir Putin ist. Zur emotionalen Kälte in der Familie Trump passt auch die Schilderung des Umgangs mit dem Tode von Fred Trump Jr. Er starb, ohne seine Familie an seiner Seite zu haben. Am Abend des Todes erhielt Mary L. Trump – sie war damals 16 Jahre alt und besuchte ein College in Connecticut – einen Anruf von ihrem Großvater, in dem er ihr sagte, dass ihr Vater krank sei und im Krankenhaus liege. Er spielte aber den Ernst der Situation herunter. Sie solle morgen ihre Mutter anrufen. Als sie daraufhin unmittelbar nach dem Gespräch mit ihrer Mutter telefonierte, erfuhr sie, dass ihr Vater vor zwei Stunden gestorben war. Donald J. Trump verbrachte den Abend, an dem sein Bruder starb im Kino, die Eltern waren zu Hause geblieben, anstatt ins Krankenhaus zu fahren.
Nach dem Tode ihres Vaters erhielten sie und ihr Bruder weiterhin finanzielle Unterstützung durch die Familie. Auch wurden sie weiterhin zu Familienfesten und ähnlichem eingeladen. Mary L. Trump berichtet in ihrem Buch davon, dass ihr Onkel und seine damalige Frau, Ivanka, dabei gebrauchte Gegenstände beispielsweise als Weihnachtsgeschenke verschenkten und darüber, wie er ihre Oberweite kommentierte, als er sie einmal in Badekleidung sah. Auch sollte sie eine Zeit lang die Ghostwriterin für Donald J. Trumps drittes Buch, The Art of the Comeback, werden, obwohl sie überhaupt keine Erfahrung mit dem Schreiben von Büchern hatte. Sie nahm das Angebot trotzdem an, aber die Arbeit daran gestaltete sich als schwierig, da er ihr zu wenig Informationen habe zukommen lassen. Schließlich erledigte sich das Buchprojekt für sie dann sowieso und ihr Onkel ließ jemand anderen das Buch verfassen.
Donald J. Trump war inzwischen zur dominierenden Person im Familienunternehmen geworden. Zuerst sei Donald vor allem eine PR-Figur gewesen, die das Unternehmen nach außen hin vertrat, während im Hintergrund weiterhin sein Vater die Fäden zog. Durch seine auffälligen öffentlichen Auftritte erhielt Donald die Aufmerksamkeit, die sein Vater auch gerne bekommen hätte, aber nie erhalten hatte. So gut Donald Trump beim Aufbau des Namens Trump als national bekannte Marke war, so schlecht war er als Manager. Seine Unfähigkeit sei kein allzu großes Problem gewesen so lange Trump Senior im Hintergrund die Kontrolle hatte und die Fehler seines Sohnes durch Geld und seine guten Kontakte korrigieren konnte, denn während Donalds Projekte schlecht liefen, war das Hauptgeschäft der Trump Organisation, die Vermietung von Wohnraum, sehr profitabel. Jedoch zog sich Trump Senior mit zunehmendem Alter und beginnender Demenz immer mehr aus seinem Unternehmen zurück. Dem geschäftlich strauchelnden Sohn sei dann aber zugutegekommen, dass er sich selbst zu einer Marke gemacht hatte. Die Gläubiger seien deshalb mit ihm sehr pfleglich umgegangen, da sie befürchtet hätten, dass ihre Verluste noch höher ausfallen würden, wenn sie sein Image und damit die Marke Trump beschädigen würden. Er sei, so schreibt Mary L. Trump über ihren Onkel, sein ganzes Leben quasi von der Außenwelt und den Konsequenzen seines Handelns abgeschirmt gewesen, zuerst durch die Familie, dann durch die ihm treu ergebenen Ja-Sager im Familienunternehmen. Dies führe heute dazu, dass Trump außerhalb seiner angestammten, geschützten Umgebung, also beispielsweise im Weißen Haus, nicht funktionieren könne.
Zum Bruch zwischen Mary L. Trump und ihrem Bruder einerseits und dem Rest der Familie andererseits, kam es nach dem Tode von Fred Senior. Der Auslöser war ein Streit um das Erbe. Es ging um die Frage, wie viel die beiden Kinder von Fred Junior, der ursprünglich als gleichberechtigter Erbe neben seinen Geschwistern eingesetzt war, nach dem Tode ihres Großvaters bekommen sollten. Freds Geschwister wollten aber nun das Vermögen ihres Vaters nicht mit ihnen teilen. Noch zu seinen Lebzeiten hätten Sie auf den dementen Fred Senior Einfluss ausgeübt, um zu verhindern, dass Mary und ihr Bruder gemeinsam den gleichen Anteil bekommen, den ihr Vater erhalten hätte. So kam es schließlich zu einem Rechtsstreit, der mit einem Vergleich endete bei dem Mary L. Trump und ihr Bruder ihre Ansprüche an die anderen Familienmitglieder verkauften. Während des Rechtsstreits schmissen Donald und seine Geschwister Mary und ihren Bruder aus der Krankenversicherung, die über die Familie lief. Dieses Vorgehen war besonders perfide, weil der Sohn von Marys Bruder mit einer schweren Krankheit geboren wurde, die umfangreiche medizinische Behandlungen erforderte. Erst nach dem Vergleich wurde der Zugang zur Krankenversicherung wiederhergestellt. Später sollte sich dann im Rahmen von Recherchen der New York Times für die Mary L. Trump Dokumente bereitgestellt hatte, herausstellen, dass Mary und ihr Bruder über den Wert des Erbes getäuscht worden waren und ihre Ansprüche weit unter Wert verkauft hatten. Momentan verklagt sie deshalb ihre Verwandten.
Da sie fast keinen Kontakt zum Rest ihrer Familie mehr hat, kann Mary L. Trump die Präsidentschaft ihres Onkels auch nur aus der Ferne beobachten. Einblicke aus nächster Nähe kann sie also nicht bieten. Ihre psychologische Ausbildung bietet auch kaum einen Mehrwert, denn eine Diagnose, was mit Donald J. Trump nicht stimmt kann sie nicht stellen. Ferndiagnosen verbietet die sogenannte Goldwater Rule, die jedoch aufgrund der offensichtlich problematischen Verhaltensweisen des amtierenden US-Präsidenten in die Diskussion geraten ist. Stattdessen zieht sie sich damit aus der Affäre, dass sie auflistet welche psychischen Erkrankungen er möglicherweise haben könnte und dann hinzufügt, dass man aber wahrscheinlich niemals herausfinden wird, was er konkret hat, da ihr Onkel sich niemals den notwendigen Untersuchungen unterziehen würde.
Der Reiz von Mary L. Trumps Buch ist der Nachname der Autorin sowie die Tatsache, dass sie Psychologin ist. Das hebt es aus der Masse der vielen Trump-Bücher, die auf den Markt geworfen werden, hervor. Wirklich lesenswert ist es aber nicht, denn insgesamt bietet das Buch leider wenig, um Donald J. Trump besser zu verstehen. Sie kann sich im Grunde, wie alle anderen Autoren und Autorinnen auch, nur von außen Gedanken machen, was in Trump vorgeht, da sie persönlich keinen Kontakt mehr mit Trump hat und auch früher kaum hatte. Das Buch ist mindestens genau so sehr ein Versuch den Ruf des eigenen Vaters zu rehabilitieren, wie eine Abrechnung mit der Politik Donald J. Trumps und der Familie. Es gibt ein paar schwere Vorwürfe, wie zum Beispiel, dass Trump jemand anderen bezahlt haben soll, damit dieser den Studierfähigkeitstest SAT für ihn ablegt, der notwendig ist, um an der Universität angenommen zu werden. Vieles ist aber auch schon aus Medienberichten bekannt, nicht zuletzt sein fragwürdiges Finanzgebaren, das durch die Mithilfe der Autorin ans Licht kam und auch den Anlass dafür lieferte, dass dieses Buch geschrieben wurde. Anderes hat wiederum eher das Niveau von Yellow-Press-Berichterstattung. Wer Interesse an Klatschgeschichten hat, mag gefallen an dem Buch finden, alle anderen können auf die Lektüre verzichten.
Das Buch
- Trump, Mary Lea: Too much and never enough. How My Family Created the World’s Most Dangerous Man, New York: Simon & Schuster 2020.
- Auf Deutsch erschienen als: Trump, Mary Lea: Zu viel und nie genug. Wie meine Familie den gefährlichsten Mann der Welt erschuf, München: Wilhelm Heyne Verlag 2020.
Links
- Bericht der New York Times zu Donald J. Trumps Finanzen: https://www.nytimes.com/interactive/2018/10/02/us/politics/donald-trump-tax-schemes-fred-trump.html
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