Der Kritiker als clownesker Provokateur – Denis Schecks fragwürdiger Anti-Kanon

Literatur ist im Fernsehen eine Nischenerscheinung. Es gibt wenige Sendungen, die bei überschaubarer Zuschauerzahl, meist zu später Zeit laufen. Eine Bedeutung für die öffentliche Auseinandersetzung mit Literatur wie es einstmals das Literarische Quartett unter Marcel Reich-Ranicki hatte, erreicht heute keine Literatursendung mehr. Allein an der Quote kann dieser Bedeutungsverlust nicht liegen, denn auch das alte Literarische Quartett hatte, wenn es gut lief, gerade einmal eine Million Zuschauer und Zuschauerinnen. Es lag vor allem am Personal. Reich-Ranicki war sicher nicht der beste Literaturkritiker seiner Generation, wohl aber der unterhaltsamste.

Am ehesten kam in Sachen Popularität noch Elke Heidenreich, seine Quasi-Nachfolgerin im ZDF, mit ihrer Sendung lesen! an Reich-Ranicki heran. Jedoch wurde diese Sendung, die noch stärker als das Literarische Quartett den Verkauf von Büchern anschieben konnte, auch als flache Bücherbewerbe- und Verkaufsveranstaltung kritisiert. Eines war jedoch beiden Sendungen gemeinsam: es standen Personen vor der Kamera, denen man die Begeisterung für Bücher anmerkte und die diese Begeisterung den Zuschauern und Zuschauerinnen vermitteln konnten. Etwas was man leider nicht von allen Moderatoren und Moderatorinnen von Literatursendungen sagen kann. Nach dem unrühmlichen Ende von lesen! im Jahre 2008 versuchte es das ZDF erst mit neuen Formaten und dann mit einer Wiederbelebung des Literarischen Quartetts, die nach den Veränderungen in Folge der Übernahme des Quartetts durch Thea Dorn nur noch wenig mit Reich-Ranickis altem Literarischen Quartett zu tun hat. Nach lesen! erreichte kein Format mehr eine vergleichbare öffentliche Wirkmächtigkeit.

Ganz in weiß: Denis Scheck als strafender Gott

In der ARD gab es in den letzten Jahren eine größere Konstanz im Bereich der Literatur, denn dort moderiert Denis Scheck seit 18 Jahren die Sendung Druckfrisch. Zugleich ist Scheck, der lange Zeit als Literaturredakteur beim Deutschlandfunk gearbeitet hatte, seit 2016 auch Moderator der Sendung lesenswert beim SWR (die mit dem lesenswert Quartett wiederum ihre eigene Kopie des Literarischen Quartetts hat). Scheck ist dafür bekannt vor deutlichen Urteilen über Bücher nicht zurückzuschrecken. In jeder Ausgabe von Druckfrisch kommentiert er abwechseln die Spiegel-Bestsellerliste Sachbuch oder Belletristik und verreißt die Bücher, die es seiner Meinung nach nicht verdient haben, so oft gekauft zu werden. Diese Rubrik scheint teilweise Pate gestanden zu haben für die Videos, die Denis Scheck nun für seinen Anti-Kanon in der Sendung lesenswert gemacht hat.

Der Anti-Kanon soll das Pendant zu seinem 2019 veröffentlichten Kanon mit den 100 „wichtigsten“ Werken der Weltliteratur darstellen und besonders schlechte Bücher enthalten. Die bisher sieben Folgen sind eine wilde Mischung: Hitlers Mein Kampf, Sebastian Fitzek, Paulo Coelho, Johannes R. Bechers Dankeshymne zum Tode Stalins, Stefan Georges Gedichtsammlung Das neue Reich, Christa Wolfs Kassandra sowie ein längst vergessener Roman aus der alternativen Szene. Vor allem Hitlers Mein Kampf sticht deutlich aus dieser Reihe heraus. Was die Frage aufwirft warum ausgerechnet dieses Buch, das unzweifelhaft ein übles, hasserfülltes Machwerk ist, gewählt wurde? Wahrscheinlich um zu provozieren. Dies gilt ebenso für die Animation am Schluss der Videos, bei der Blitze aus Schecks Hand zucken und das besprochene Buch sich in einer kleinen Explosion in Rauch auflöst. War Marcel Reich-Ranicki der Literaturpapst, so spielt sich Denis Scheck hier in weißem Studio und Anzug als Literaturgott auf. Dass die Animation des Verschwindenlassens des Buches am Ende der Videos bei manchem Assoziationen zur Bücherverbrennung weckt, war wohl nicht beabsichtigt, liegt aber auch nicht so fern, wenn man mit Hitler anfängt. Generell scheint bei Sendungen mit Scheck zu gelten, dass es ohne große Inszenierung oder Provokation nicht geht. Die Literatur allein scheint nicht als auszureichend angesehen zu werden und das ist sehr schade. Teilweise gleiten die Inszenierungen auch ins lächerliche ab, wie zum Beispiel bei Schecks Ausritten mit Juli Zeh in der Sendung lesenswert. Mit seriöser Literaturkritik hat das nichts mehr zu tun. Aber man traut der Literatur allein anscheinend nicht genug Zugkraft zu. Stattdessen dann Provokation mit Hitlers Mein Kampf, mit dem kein Buch verdient verglichen zu werden, auch nicht die zweifellos miserablen Werke von Paulo Coelho und Sebastian Fitzek.

In der öffentlichen Diskussion hat neben dem Video zu Mein Kampf und der Animation am Schluss der Videos, vor allem der Verriss von Christa Wolfs Erzählung Kassandra Aufsehen erregt. Kassandra ist vom literarischen Niveau her weit höher anzusiedeln als der Rest der sechs, bisher im Rahmen des Anti-Kanons verrissenen Bücher. Es ist Schecks gutes Recht das Buch nicht zu mögen, aber die Art und Weise wie er nicht nur das Buch, sondern auch die Autorin niedermacht, ist schon auffällig. Dabei ignoriert er die Unterscheidung zwischen Autorin und Erzählerin und setzt Figurenrede mit der Meinung der Autorin gleich. Er wirft ihr vor, dass sie die antiken Mythen nicht verständlich nacherzähle, aber eine bloße Nacherzählung antiker Mythen war ja auch nicht die Absicht der Autorin. Es geht ihr um etwas ganz anderes, was Scheck entweder nicht versteht oder – was wahrscheinlicher ist – um des Verrisses Willen ignoriert. Für einen ausgebildeten Literaturkritiker ist das peinlich. Scheck scheint persönlich eine starke Abneigung gegen Wolf zu hegen. Er hält sie für zu deutsch, humorlos und deprimierend. Die persönliche Abneigung wird dann noch mit dem Aufruf gängiger Klischees über Ostdeutschland garniert und fertig ist ein Video, dass garantiert den ein oder anderen aufregen wird.

„Christa Wolfs Prosa ist wie sieben Tage Regen an der Ostsee mit Tote Oma, Soljanka und Würzfleisch – eine buchgewordene Sättigungsbeilage!“

Denis Scheck über Christa Wolfs Erzählung Kassandra

Sowieso stellt sich die Frage wofür man überhaupt einen Anti-Kanon braucht. Schon normale Literaturkanons werden heutzutage sehr kritisch betrachtet. Ein Anti-Kanon scheint aber völlig sinnlos und überflüssig zu sein. Es gibt so viele schlechte Bücher und es werden täglich mehr. Man muss diese dann nicht noch extra herausstellen oder als billige Zielscheiben benutzen, um sich über den schlechten Geschmack gewisser Teile des Publikums lustig zu machen und sich dann selbst erhaben zu fühlen. Literaturkritik sollte dem anspruchsvollen Leser Orientierung im Meer der Neuerscheinungen bieten und herausstellen was sich zu lesen lohnt. Alte, fast in Vergessenheit geratene Bücher wie Svende Merians Der Tod des Märchenprinzen wieder auszugraben, um sie zu verreißen ist ein völlig unnötiges Unterfangen. So etwas braucht niemand, ebenso wenig wie das Ausleben persönlicher Abneigungen unter dem Deckmantel der Literaturkritik. Wie an vielen anderen Stellen in den Medien hofft man wohl, dass Negatives mehr zieht als Positives und höhere Quoten beziehungsweise Klickzahlen bringt. Damit haben der SWR und Denis Scheck aber ein Eigentor geschossen, sich selbst beschädigt und der Literaturkritik einen Bärendienst erwiesen.

Nachtrag vom 25. Juli 2021

Der SWR hat inzwischen das Video zu Hitlers Mein Kampf entfernt und will die mit der Bücherverbrennung in Verbindung gebrachte Animation am Ende der Videos überarbeiten.

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